Der Name "Roßdorf" besteht bereits
schon im Jahre 1398. Ob in diesem Felddistrikt am Kirchertwald, zwischen dem
Humpfenbach und der Steinach, einst ein Ort gleichen Namens bestannt, ist nicht
bekannt. Wie der Flurname "Roßdorf" zu seiner Bezeichnung kam, darüber gibt
es aus älteren Untersuchungen verschiedene Erklärungen:
Eine besteht darin, dass in diesem Gebiet eine große Hanfbrettstatt mit Raisen
(schwäbisch "Reiß", was auf eine aufgerissene Furche, einen künstlich
errichteten Grenzgraben hinweist und landschaftsweise in der Form "roiß"
oder "roeß" vorgekommen ist) und Brechhütten vorhanden war. Das
Humpfenbachtal vor dem Roßdorf kann seinen Namen vermutlich auch von Hampf =
Hanf herleiten und diente als Gelände zur Hanfaufbereitung. Es ist nicht
erwiesen, ob die Nürtinger Hanfraisen als "roasa" bezeichnet worden
sind. In der Mundartform wird dieses Wort nicht mehr geführt. Einigen der älteren
Generationen war das "rosa" machen der Hanfstengel durch Einweichen in
der Hanfraise noch bekannt. Es ist anzunehmen, dass auch hier das Wort "Hanfro'ß"
gebraucht worden ist. Das Roßdorf wäre so vielleicht eine kleine Siedlung bei
den Raisen (Ro'ße) gewesen.

Ein Schäferkarren,
die erste "Wohnung" im Roßdorf
Bereits vor rund 2.500 Jahren war das Roßdorf, übrigens ein Flurname, schon besiedelt: Es waren die Kelten. In der Nähe vom Parkplatz am Kirchertwald, am Weg zum Waldsportpfad, befand sich damals ein Friedhof der Kelten. Aus dieser Zeit stammen 25 Grabhügel, von denen heute noch einige erhalten sind. Sie sind als kreisförmige Erhebungen erkennbar. Bei Grabungen an einigen dieser Hügel, zuletzt in den Jahren, als mit dem ersten Bauvorhaben im Roßdorf begonnen wurde, fand man einige Metallteile, die auf Waffen oder auch auf Fibeln schließen ließen. Leider waren die Funde spärlich. Eine andere Deutung auf den Namen "Roßdorf" weist auf ein altes schwäbisches Sachwort hin. Es ist "der Runs" oder "Rauns"; mundartlich "raoß" und bezeichnet einen Wassergraben, eine Wasser- oder Flussrinne oder oft auch einen Einschnitt an einem Abhang und ist dem altdeutschen Wort "Rune" verwandt. Da dieses Flurstück am Rande des oberen Humpfenbachs lag, dessen Quellen von den Ansiedlern genutzt wurden, kann es auch das "Raoßdorf" genannt worden sein. So könnte nach Aufgabe der Nutzung der Flurname Roßdorf entstanden sein. Hart an der äußeren Spitze der heutigen Frickenhauser Markung, im Bruderwald oder auch Mönchtobel genannt, stand die Waldbruderklause Michelhalden. Im 15. Jahrhundert wurde Paul Schreiber, Guardian des Barfüßer-Klosters Tübingen, das "Bruderhaus zu Frickenhausen im Wald" übergeben mit der Auflage, "dass er es zu besetzen, visitieren und in seiner und seiner Nachfolger Schirm haben möge". Nach der Reformation wurde diese Klause dem Nürtinger Hospital angegliedert. Die Ertragsfähigkeit der Böden im Gebiet Roßdorf war gering. Nach dem 30jährigen Krieg, also nach 1648, als für die verminderte bäuerliche Bevölkerung genügend anderes Land zur Verfügung stand, ließ man diesen Boden unbebaut. Er wurde zum "Egart". Gelegentlich hat man dieses Gebiet noch als Weideland benutzt.

Die
ehemaligen Vereinsanlagen des Reitvereins
Nach den beiden Weltkriegen hat die Stadt Nürtingen ihren Bürgern Landstücke verpachtet, wo dann Kartoffeln oder Kraut angepflanzt wurden. In den Jahren nach 1900 waren es zunächst einige Nürtinger Vereine, die im Roßdorf-Gebiet ihre Anlagen errichteten. So die Schützengilde Nürtingen, die Nürtinger Turner, welche 1927 das Waldheim im Roßdorf bauten und der Verein der Hundefreunde. 1956 kamen noch die Vereinsanlagen des Reitervereins Nürtingen hinzu. Bereits in den Nachkriegsjahren wurden von Seiten der Stadtverwaltung Nürtingen Überlegungen angestellt, im Gebiet Roßdorf eine Siedlung anzulegen. Dieser Plan wurde jedoch nicht weiterverfolgt, weil Bedenken wegen der Entfernung Roßdorf - Innenstadt bestanden. Doch die Stadt dehnte sich im Süden (im Braikegebiet) immer weiter aus...

Bauabschnitt
1 im Bau (bei der Holbeinstraße)
Im April 1960 beschloss
der Gemeinderat in seiner Sitzung dann doch, das im Besitz der Stadt Nürtingen
befindliche Gebiet für den Bau einer großzügig angelegten Siedlung
freizugeben, wobei moderne städtebauliche Gesichtspunkte berücksichtigt werden
sollten. Ausschlaggebend für diesen Beschluss war der zwischenzeitlich
eingetretene Mangel an Bauland. Am 14. November 1961 erhielt das Stuttgarter
Architekturbüro Dipl. Ing Klipper von der Stadtverwaltung den Auftrag, einen
entsprechenden Plan zu erstellen. Auf der Grundlage dieser Planung wurde im
Oktober 1962 die Arbeitsgemeinschaft Nürtinger Architekten, Büro Weinbrenner,
Kuby, Rehm, mit den Entwürfen zur Erstellung der Hochbauten beauftragt. Die
Bebauung war zunächst in einzelnen Abschnitten vorgesehen.
Nach den Vorstellungen des Nürtinger Gemeinderats sollten bei der
Bauplatzvergabe ortsansässige Interessenten, oder zu der Stadt Nürtingen in
einer Beziehung stehende Bewerber, bevorzugt berücksichtigt werden.
Die tiefbaulichen Erschließungsarbeiten für den Bauabschnitt Roßdorf 1 wurden
im September 1965 vergeben und die Arbeiten im Frühjahr 1966 begonnen. Bereits
im August 1966 war die Möglichkeit zur Erstellung der ersten Hochbauten
geschaffen. Dieser Baubeginn erfolgte am Dürerplatz.
Im gleichen Jahr erhielt das älteste im Roßdorf-Gebiet bestehende
Anwesen, das Waldheim, einen Erweiterungsbau mit Saal.
Besonders erwähnenswert im Zusammenhang mit der Bebauung des Roßdorf-Geländes
ist das persönliche Engagement des damaligen Bürgermeisters der Stadt Nürtingen,
Hans Möhrle, der es in bewundernswerter Weise verstand, zögernde Interessenten
von der Wohnqualität dieses neuen Stadtteils
zu überzeugen. Es war für Nürtingen neu, dass ein zentral gelegenes Heizwerk
die gesamten Wohnungen in diesem Bereich mit Femwärme versorgen sollte. Auch
war eine Gemeinschaftsantenne für den gesamten Stadtteil auf dem Hochhaus Dürerplatz
4 für den Rundfunk- und Fernsehempfang vorgesehen.
Wer von den Erst-Einwohnern des neuen Stadtteil
erinnerte sich in späteren Jahren noch an die Unannehmlichkeiten der
Anfangszeit nach Bezug der neuen Wohnungen? An der Ärger durch die in einzelnen
Fällen von Handwerkern fehlerhaft ausgeführten Arbeiten, an den Schmutz, den
Baulärm oder auch an den ersten "Supermarkt" in einer Baracke auf dem
heutigen Dürerplatz und an das provisorische Fernheizwerk.

Luftbild
der fertiggestellten Bauabschnitte 1 und 2
Die Bauarbeiten im Abschnitt 1
wurden weiter zügig durchgeführt. Immer mehr Interessenten bewarben sich um
eine Wohnung oder ein Haus in diesem Neubaugebiet. Die Erschließung des Roßdorfs
galt als "Demonstrativbauvorhaben". Dadurch erhielten die Bauwilligen
in jenen Jahren unter anderem zinsgünstige Darlehen und finanzielle Unterstützung
durch öffentliche Stellen. Von der ursprünglichen Zurückhaltung vieler - auch
angesichts der damaligen Krise -, im Roßdorf zu bauen oder dort eine Wohnung zu
erwerben, war nun nichts mehr vorhanden. Die Entfernung zur Innenstadt
und zum Bahnhof erwies sich nicht als Hindernis. In den Jahren 1969 und 1970
konnten die Bungalows am Rubensweg erstellt und die anderen in diesem Bereich
geplanten Hochbauten begonnen werden. Für das letzte Teilstück des
Bauabschnitts Roßdorf 1, bei den Reitplatzanlagen, begannen die Erschließungsarbeiten
Anfang 1971. Nachdem bis Herbst 1972 die dortigen Gebäude des Reitervereins Nürtingen
nach dem Umzug ins Tiefenbachtal aufgegeben wurden, erfolgte auf diesem Gelände
die Bebauung. Schneller als erwartet wurden auf Grund der anhaltenden
Wohnungsnachfrage die geplanten Bauabschnitte Roßdorf 2 und 3 in die Erschließung
einbezogen. Im September 1972 erfolgte der Baubeginn einer Grundschule, die
schon ein Jahr später eingeweiht wurde. 1980 wurde mit der Gründung und
Bebauung einer Kleingartenanlage mit 71 Gartenhäusern und 77 Einzelparzellen
begonnen.
Anfang September 1985 – zusammen mit der Gründung der Bürgervereinigung Roßdorf
e.V. – wurde das neuerbaute Stephanushaus, ein ökumenisches Gemeindezentrum,
eingeweiht; ein Jahr später schließlich noch die dringend benötigte Turnhalle
für die Grundschule.

Spitzdächer
kennzeichnen den 3. Bauabschnitt
Nachdem Ende der 70er bis Mitte der 80er
Jahren ziemlich "Ruhe" beim Wohnungsbau herrschte und man die
Aktivitäten auf Renovierungsarbeiten legte – so z.B. in 1987 die
Instandsetzung und Bemalung der Fassaden der Hochhäuser im Bauabschnitt
1, begann Mitte 1987 wieder ein "buntes Treiben" im Bauabschnitt
3. Neben der ursprünglichen Planung von reinen Einfamilienhäusern wurden
auch hier auf Vorschläge der BVR hin mehrgeschossige Häuser gebaut,
allerdings nicht mehr im Stil der ehemaligen "Betonklötze" aus
den älteren Bauabschnitten, sondern allesamt mit Spitzdächern.
Übrigens: Das Roßdorf wurde 20 Jahre alt.
Dieses Jubiläum wurde durch die BVR mit einer Festwoche Ende August 1987
rund ums Gemeinschaftshaus am Dürerplatz gefeiert, das neuerdings durch
die Einrichtung eines Jugendtreffs "Downstairs" zusätzliche
Attraktivität für die Jugendlichen gewonnen hat. Ein Keltenwanderweg durch den Kirchertwald, von der BVR eingerichtet und
ausgeschildert, wurde der Stadtverwaltung übergeben.
1989 wurde das Fernheizwerk von schwerem Heizöl- auf Erdgasbetrieb
umgestellt und erreichte somit eine Schadstoffreduktion von über 90 %. 1992 hatte das Roßdorf sein 25jähriges Jubiläum, welches mit
einer Festwoche gefeiert wurde. In diesen Jahren expandierte das Roßdorf
noch einmal stark in südliche Richtung. Es kamen etliche kleine Reihenhäuser
am Feininger Weg hinzu, und man dachte schon, die Erschließung des Roßdorfs
sei hiermit beendet. Anfang 1997 rief die Stadt Nürtingen jedoch ein
neues Baukonzept in Zusammenarbeit mit dem Land Baden-Württemberg ins
Leben: KföB (Kosten-, flächensparendes und ökologisches Bauen). An drei
Standorten (Braike, Enzenhardt und Roßdorf) sollten
Reihenhaus-Wohneinheiten zusätzlich Platz für kinderreiche und junge
Familien schaffen durch verbilligte Grundstücke der Stadt, verbunden mit
einer zinsgünstigen Finanzierung durch die L-Bank. Die Änderung des
Bebauungsplans Roßdorf 3 sah vor, dass eine dieser Wohnanlagen parallel
zum Feininger Weg errichtet werden sollte. Diese Reihenhauszeilen,
erstellt in Niedrigenergie-Holzbauweise, bieten mittlerweile Platz für 16
Familien mit rund 30 Kindern und bilden den endgültigen Abschluss der
Bebauungsarbeiten im Roßdorf.
Die KföB-Häuser im Panaorma-Blick
Der ehemalige Stadtteil aus der Retorte hat sich inzwischen zu einem attraktiven Wohngebiet gewandelt. Dazu trägt sicher auch die vorhandene Infrastruktur ihren Teil dazu bei. Es gibt hier:
Einkaufszentrum Dürerplatz mit Postagentur, Bäcker, Apotheke, Fahrschule mit Lotto-Toto-Annahmestelle, Getränkemarkt und Geschenkeladen sowie eine Filiale der Kreissparkasse Esslingen/Nürtingen mit EC-Automat.
Gebäude an der Liebermannstraße mit Drogeriemarkt und Lebensmittelladen mit Artikeln des täglichen Bedarfs.
Kindergarten Dürerplatz und Hans-Möhrle-Straße mit Kindertagheim.
Grundschule Hans-Möhrle-Straße mit Turnhalle, die auch von Vereinen genutzt wird.
Stephanushaus mit Gottesdiensträumen für beide große Konfessionen.
Ärzte für Allgemein- und Zahnmedizin.
Sportanlage Waldheim mit Gaststätte für Jedermann.
Das Gemeinschaftshaus am Dürerplatz, wird für die vielen
Veranstaltungen der Bürgervereinigung und der Volkshochschule genutzt. Auch eine
Zweigstelle der Stadtbücherei hat dort ihren Platz gefunden.